Unter Druck
Wenn Du plötzlich eine Vergangenheit hast
Irgendwann kommt unvermeidlich der Punkt, an dem Du weißt, was vor zwanzig Jahren gewesen ist und wer Du gewesen bist. Das funktioniert bei einigen schon ab dreißig, bei den meisten anderen erst ab vierzig. Ab jetzt ist nichts mehr, wie es vorher war.
Du hörst jetzt das Ticken oder auch das Rieseln. Zeit war immer schon real, jetzt wird sie unausweichlich. Das Bild der Sanduhr drängt sich auf, immer mehr Sand rieselt von oben nach unten. Dabei gibt es natürlich eine zusätzliche Gemeinheit, denn die obere Kugel der Sanduhr besteht nicht aus durchsichtigem Glas, sondern ist völlig intransparent. Wir können also nur feststellen, dass Sand von oben nach unten rieselt – wie viel uns davon bleibt, wissen wir nicht – solange der Sand fällt, leben wir noch.
Dramatisch? Ja und nein. Fast jeder hat auch schon jüngere Menschen sterben sehen: Unfälle, Krankheiten und manchmal durch Verbrechen. Am Ende spielt es keine Rolle, was die Ursache ist. Vorbei ist eben vorbei.
Ist das ein Grund, um in Panik zu verfallen? Mitnichten. Panik ist völlig kontraproduktiv, erhöht sie doch die Wahrscheinlichkeit für ein frühes Ableben.
Und doch stellt sich irgendwann ein Druck ein. Als Jugendliche und junge Erwachsene leben wir in einem zeitlosen Zwischenstadium und wollen nur möglichst rasch nach vorne preschen: Eigenes Geld, eigene Wohnung, eigenes Leben.
Und dann fängt die Uhr an zu ticken und Du realisierst, dass Du eine Vergangenheit hast. Gleichzeitig realisierst Du die Gegenwart und dass es eine mögliche Zukunft gibt.
Diese Zukunft zu gestalten ist jetzt die nächste Herausforderung, denn viele von uns sind Verbindlichkeiten eingegangen: Beziehungen, Ehen, Kinder und Immobilienerwerb. Alles das, was wir früher als eigenes Leben angesehen haben. Vieles davon passt auch jetzt wie angegossen, manches hat sich abgetragen und einiges hat sich überlebt. Und unabhängig davon, wie wir die einzelnen Aspekte unseres Lebens bewerten, bestimmen diese unsere Gestaltungsmöglichkeiten für unser restliches Leben.
Und da stehst Du nun: Mit dem Rucksack voller gestern musst Du Deinen Weg ins Morgen finden. Zwanzig Jahre Vergangenheit lassen sich nicht auf die leichte Schulter nehmen und das ist gut so, schließlich sind wir deshalb die Menschen, die wir sind.
Mit vierzig fehlt Dir die Dynamik und die Kraft, die Du mit zwanzig hast. Dafür hast Du andere Eigenschaften entwickelt: Disziplin, Durchhaltevermögen und Weitsicht. Das macht die Reise leichter und kompensiert den Verlust an Schnellkraft. Wir sind jetzt Marathonläufer, keine Sprinter mehr.
Das weißt Du alles und trotzdem kommst Du immer wieder an die hundsgemeinen Punkte, an denen Du realisierst, was eben nicht geht: Alles hinschmeißen und beruflich ganz anderes machen. Einfach mal ein halbes Jahr Urlaub machen. Geld ohne Rücksicht auf das Morgen verjubeln. Die Auszeit auf Bali. Vergiss es, Du hast Verpflichtungen.
Natürlich darfst Du Ziele haben und diese auch verfolgen, alles andere wäre Selbstmord auf Raten. Du bist aber einem neuen Tempo verpflichtet, das gewiss nicht schneller als Dein früheres ist. Und wenn es dann wieder etwas länger dauert, musst Du das Ticken der Uhr ertragen können.
Abgeklärtheit ist ein anderer Bonus – Du brauchst nicht mehr die Eskapaden der Jugend, weil sie zusätzlichen Ballast darstellen: Massives Feiern und in möglichst vielen fremden Betten aufwachen war vielleicht mal witzig, jetzt ist es Sprengstoff für Dein heutiges Leben. Sinnloser Konsum macht Freude, ist aber nur ein kurzer und nicht nachhaltiger Kick. Natürlich ist nichts gegen einen Kick einzuwenden, aber hier geht es um eine ganz nüchterne Analyse: Was kostet mich das und ist es das, was ich wirklich will?
Wir scheiden das Wichtige vom Unwichtigen. Natürlich kann auch ein negatives Ziel wichtig sein, zum Beispiel eine Scheidung. Here geht es also nicht um einen verklärten Blick auf einen rosaroten Ponyhof, sondern um eine Weichenstellung mit Verstand und Herz. Du hast einfach nicht genug Zeit, um sie zu vertrödeln.
Was möchtest Du jetzt mit Deinem Leben anfangen? Was fehlt noch, dass Du irgendwann mit einem Lächeln abtreten kannst? Was würde Dir noch viel Freude machen? Was tut Dir nicht gut und sollte verschwinden? Was möchtest Du auf jeden Fall erhalten? DAS sind Fragen, die zählen. Wenn Du darauf Antworten hast, bist Du nicht auf den Holzweg geraten.
Und jetzt solltest Du innehalten. Erinnerst Du Dich noch? Du hast eine Vergangenheit und das war nicht immer nur Honeymoon und Sonnenschein, auch wenn Du damit nicht hausieren gehst. Natürlich hast Du Fehler gemacht und lagst oft falsch, aber dafür sind wir hier und Du hast es so gut gemacht, wie Du es nur konntest. Ja! Du darfst ruhig stolz darauf sein.
Und jetzt ist es Zeit, weiterzugehen. Zieh die Riemen vom Rucksack gerade und los geht's. Wenn Dir noch ein Rest Klarheit fehlt, weißt Du, was zu tun ist!
